Toulouse les Orgues

Der Titel bezieht sich diesmal eigentlich ausschließlich auf den gestrigen Samstag. Eine Erklärung wird also spätestens nach der Lektüre dieses Beitrags überflüssig sein.

Die vergangene Woche begann mit der Vorbesprechung meiner Kurse. Mit der Wahl der besuchten Vorbesprechung ist gleichzeitig auch die Wahl des physikalischen Schwerpunktes meines Aufenthalts hier getroffen. Ich war auf der réunion für „Physique de la Matière“. Das bedeutet, dass ich mich für jenen Studienzweig entschieden habe, der dem Wiener Studienplan am nächsten kommt. Die Alternative wäre der Studiengang „Nanophysique, Nanocomposants, Nanomesure“ gewesen. Grund für meine Entscheidung war zum einen die gute Organisation des nun gewählten Zweiges, im Gegensatz zu einer de facto nicht vorhandenen des anderen Zweigs. Zum anderen, die Möglichkeit trotzdem einzelen Fächer des jeweils anderen Zweigs hören und auch die entsprechenden Prüfungen ablegen zu können. Außerdem habe ich jetzt zumindest erwähnenswerte Chancen, mir in Wien das eine oder andere Hauptprüfungsfach anrechnen lassen zu können.

Die Vorbesprechung dauerte etwas kürzer als ich und etwas länger als meine französischen Kollegen erwartet hatten. Ich kenne jetzt meinen Stundenplan für die erste Semesterhälfte. Das Semester wird hier nämlich noch einmal geteilt in den ersten und allgemeinen Teil und in einen Teil, den sich jeder Student nach belieben, will heißen mittels Wahl von vier aus neun Optionsfächern, zusammenstellen kann. Außerdem hat sich der Vortragende ausführlich dem französischen Stipendiensystem gewidmet. Es gibt hier nämlich gezählte 37 Stellen, die mehr oder weniger unterschiedlich attraktive Stipendien anbieten. Bei diesen Stipendien handelt es sich meistens um ein garantiertes Monatsgehalt für drei Jahre und manchmal einen Platz in einem angesehenen Labor. Dem vortragenden Professor war anscheinend sehr daran gelegen, ein gewisses Stipendienranking zu vermitteln, also den Studenten nahezulegen, sich vor allem um dieses oder jenes Stipendium zu bemühen und die anderen eher als zweite oder dritte Wahl aufzufassen. Dieses Ranking scheint den Vergebern der Stipendien durchaus bewusst zu sein, denn ihmzufolge unterscheiden sich auch die Bedingungen, an die die Stipendienvergabe geknüpft ist. Dabei handelt es sich in erster Linie um Anforderungen an das Gesamtzeugnis, dessen Ergebnis auf einer Skala von 0 bis 20 mit zwei Nachkommastellen angegeben, für jeden Stipendienantrag von krititscher Wichtigkeit ist. Der Vortragende schreckte nicht davor zurück (was glaube ich in Wien fast undenkbar erscheint), die Notenlisten der vergangenen drei Jahre zu zeigen, auf denen klar aufgeschlüsselt der Name des Studenten, seine Gesamtnote, alle Einzelnoten und das erlangte Stipendium zu sehen war. Sortiert waren die Listen jeweils nach der Gesamtnote und in der Spalte für die Stipendien konnte man also klar deren Attrativität ablesen. Dank der vielen Möglichkeiten, bekommen die oberen zwei Drittel der Abgänger irgendein Stipendium.

Die Vorbesprechung war dann schließlich aber kurz genug, dass ich nach einem gemeinsamen Mittagessen mit zwei Kollegen gleich am selben Tag noch den Einstufungstest für die Sprachkurse machen konnte. Dessen „mündlicher“ Teil bestand ausschließlich aus Selbstbewertungen, gefolgt von einem „schriftlichen“ Teil in Form eines Multiple-Choice Tests. Das Ergebnis wurde auf einer Skala von eins bis fünf angegeben, wobei die Eins für absolute Anfänger gedacht ist. Mein Ergebnis war eine Eins für den mündlichen und eine Drei für den schriftlichen Teil. Für die entsprechenden Kurs kann ich mich jedoch erst morgen anmelden.

Am Dienstag vormittag war ich bereits zum vierten Mal beim Zuständigen für meine Unterbringung und habe mich zum wiederholten Mal erkundigt, wann ich denn mit der Übersiedlung in ein Zimmer mit Internetanschluss rechnen kann. Leider konnte auch diesmal keine klare Antwort bekommen, sondern wurde auf eine schriftliche Benachrichtigung gegen Ende der Woche vertröstet, die jedoch natürlich nicht eingetroffen ist. Der nächste Dienstag kommt bestimmt und den Ausflug in die Stadt ist mir die Sache allerdings noch einige Male wert.

Dienstag und Mittwoch Abend waren der Musik gewidmet. Am Dienstag nun zum zweiten Mal gemeinsam mit dem Studentenorchester und am Mittwoch ebenfalls zum zweiten Mal als Zuhörer in der Kirche des Augustins beim allwöchentlichen Orgelintermezzo. Am Freitag Abend habe ich mit meinem Nachbarn die Szene an der Garonne besucht. Dort treffen sich bei Schönwetter fast jeden Abend ein ganzer Haufen Musiker und Musikanten zum in kleinen Gruppen stattfindenden Improvisieren auf allen möglichen mitgebrachten Instrumenten. Leider gab es am Freitag das notwendige Schönwetter nicht, sodass sich nur zwei Gitarristen und ein Perkusionist eingefunden haben. Jedenfalls nehmen wir nächstes Mal auch unsere Instrumente mit und achten vorher auf die Wettervorhersage.

Am Freitag hat auch ein Festival begonnen, dessen Namen ich diesmal als Titel verwendet habe. Es dauert die nächsten zwei Wochen und in diesem Zeitraum werden glaube ich alle Orgeln der Stadt mehrmals bespielt. Gestern habe ich es mir nicht nehmen lassen, am „Parcours Musical“ teilzunehmen, einer Veranstaltung die sich über den ganzen Vormittag erstreckte und in deren Rahmen vier einstündige Konzerte in den größten Kirchen der Stadt bei freiem Eintritt hintereinander zu besuchen waren. Und für den Abend hatte ich mir eine Karte für ein Konzert einer Gruppe gekauft, die versucht die Orgel mit elektronischer Musik zu verknüpfen. Ergebnis war ein gelungener Ambient Sound, der vielfältig und kreativ genug war, um in den eineinviertel Stunden des Konzerts interessant zu bleiben. Man muss sich den Altar der Kirche mit Computerbildschirmen, Laptops und Sampling- sowie Synthesizer Keyboards angehäuft vorstellen.

Und damit auch die weniger Lesefreudigen diese Woche wieder auf ihre Rechnung kommen, werde ich jetzt, bevor ich in die Stadt fahre um diesen Betrag samt Umlauten ins Netz stellen zu können, noch einen Rundgang am Campus mit gezückter Kamera machen. Die Fotos findet ihr unter folgender Adresse:

http://www.flickr.com/photos/fabiamo/sets/72157594307062313/

Bis zum nächsten Mal lieber Blog