Annäherung an Toulouse

Hier kann das Wort Annäherung auch als Gewöhnung gelesen werden, jedoch wollte ich den etwas stumpfen Beigeschmack in der Überschrift vermeiden. Allerdings muss bei der Annäherung dazu gesagt werden, dass sie tatsächlich beiderseitig stattgefunden hat. Im Gegenteil ist mir mein Aufenthalt hier ohne mein Zutun gleich letzten Sonntagnachmittag dadurch erleichtert worden, dass ich von einer kleinen Gruppe deutscher Heimnachbarn zum gemeinsamen Kicken eingeladen wurde. Ein wenig Kontakt zu anderen Studenten ohne bei jedem Wort eine mehr oder minder hohe grammatikalische Hürde nehmen zu müssen, wenn einem nicht sowieso die richtigen Worte fehlen, tut sehr gut. Gegner im Spiel waren bezeichnender Weise eine Grupper arabisch sprechender Studenten.

Am Montag habe ich wie angekündigt mit dem ersten Tag des im französischen Reiseführer empfohlenen Programm für drei bis fünf Tage begonnen um auch meinen Teil der Annäherung zu erfüllen. Gemeinsam mit Rafael, einem Fachkollegen aus München, habe ich den nun schon vertrauteren Bus ins Stadtzentrum genommen. Der Platz vor dem Capitole, auf dem die Sicht diesmal nicht von einem Bühnengerüst eingeschränkt wurde, erstrahlte in dem für die Stadt typischen Ziegelrot. Nachdem die Fotoapparate wieder verstaut waren machten wir uns auf den umgekehrten Weg, den laut Anschlagtafel der Märtyrer Saturnin an einen Stier gebunden genommen hatte, und kamen durch die Rue de Taur zur Basilika Saint-Sernin. Der Besichtigung dieser damals hauptsächlich für die Wallfahrer nach Saint-Jacques-de-Compostelle errichtete Basilika schlossen wir direkt den Besuch im benachbarten Musée Saint-Raymond an, wo wir gründlich über die Geschichte des römischen Tolosa aufgeklärt und mit zahlreichen Beweisstücken für diese Geschichte konfrontiert wurden.

Im äußerst netten Park hinter dem Capitole machten wir schließlich Mittagspause und besichtigten dann noch das Innere des im Capitole untergebrachten Rathauses. Da unsere vom Fussballspiel des Vortags schon etwas mitgenommenen weil untrainierten Beine sich langsam sträubten kehrten wir nach ein paar kleineren Einkäufen Heim ohne das gesamte Programm absolviert zu haben und vertösteten das noch usständige Musée du Vieux Toulouse in Gedanken auf einen der weit mehr als fünf noch vor uns liegenden Tage in dieser Stadt.

Am Dienstag war das Wetter zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier relativ trüb. Der Grund dafür war klar: Wir hatten vor nach Narbonne-Plage an die Mittelmeerküste zu fahren. Unbeirrt und in der Hoffnung wenn nicht Überzeugung, am Strand eine positive Überraschung zu erleben machten wir uns zu viert mit dem Auto auf den Weg. Außer Rafael waren diesmal Pascal und Dirk sowie dessen VW Golf dabei. Nach eineinhalb Stunden Autobahn und einem kleinen Umweg trat die Ernüchterung ein: Auch hier war es bewölkt, windig und frisch. Wir hatten also das zweifelhafte Glück, uns einen Kilometer Strand mit nur etwa sechs anderen Touristen zu teilen. Platz genug zum Volleyballspiel. Nachdem über Mittag noch unsere Liegetücher eingeregnet wurden fügten wir uns schließlich und schwenkten auf Plan B um. Wir besuchten Carcassonne und zwängten uns wie jene, die bereits am Vormittag das Schlechtwetterprogramm gewählt hatten durch die engen Gassen der sehr sehenswerten kleinen Stadt im Inneren der Burg. Danach fuhren wir auf dem Heimweg noch in eines der Einkaufszentren. Hier erstand ich unter anderem meine „Eintrittkarte“ in die Seelengemeinschaft jener, die sich den Luxus gönnen, den Gang zum „stillen Örtchen“ mit der Klobrille in der Hand anzutreten um die mangelhafte Infrastruktur zumindest für die eigenen Zwecke ausreichend zu ergänzen. Am Abend habe ich zum ersten Mal von den Waschmaschinen im Keller des Studentenheims Gebrauch gemacht.

Der Mittwoch wurde wieder vom Reiseführer diktiert. Begeistert hat vor allem das Musée des Augustins. Dieses alte Kloster im Stadtkern wurde vollständig zu einem Museum umgestaltet, welches mit einer angenehm ausgesuchten Betückung und toll renovierten Räumlichkeiten sowie einem wunderschön gepflegten Klostergarten beeindruckt. Und das bei für Studenten freiem Eintritt. Manche Ansichten konnte ich auch hier auf die Speicherkarte meiner Kamera übertragen. Anschließend habe wir die Kathedrale Saint-Étienne innen und außen besichtigt. Und als wir zu Mittag am Place Saint-Georges Pause machten waren wir uns einig, einen der schönsten und gemütlichsten Orte in Toulouse entdeckt zu haben. Am Nachmittag habe ich mir ein französisches Studentenkonte eröffnet mit dem einzigen Zweck hier eventuell die Wohnbeihilfe für Studenten beziehen zu können.

Am Donnerstag konnte ich mir die Studentenkarte für die hiesigen Öffis besorgen, was meine zahlreichen Busfahrten jetzt deutlich leistbarer macht. Außerdem habe ich es auf die Warteliste der Anwärter für ein renoviertes Zimmer geschafft. Mit einer gehörigen Portion Glück könnte ich also in den nächsten Monaten noch in ein Zimmer mit Dusche, WC, Kühlschrank und Kochstelle übersiedeln. Versprochen wurde jedoch nichts. Schließlich habe ich mir noch für zehn Euro eine Konzertkarte für denselben Abend besorgt, für ein Konzert bei dem angeblich das Studentenorchster mitwirken sollte. Das Konzert war sehr schön, vor allem das gegebene Violinkonzert von Tschaikowski war ausgesprochen kurzweilig. Die Mitglieder aus dem Studentenorchester haben aber allem Anschein nach höchstens während der folgenden ersten Symphonie von Brahms das Orchestre National du Capitole de Toulouse verstärkt.

Freitags konnte ich endlich jenen französischen Studienkollegen treffen, bei dem mein Wiener Vorgänger hier in Toulouse zu Beginn der Sommerferien sein altes Fahrrad und einige andere Luxusgegenstände für mich hinterlegt hat. Gemeinsam haben wir auch in der Mensa zu Mittag gegessen, wo ich bei meinem damit dritten Besuch zum ersten Mal von dem Gebotenen positiv überrascht wurde. Am Nachmittag habe ich mich an ein französisches Lehrbuch über Quantenmechanik gewagt, was ein ziemlich mühsames Unterfangen war. Auch wenn ich den Stoff schon kenne und auch die entsprechende Prüfung schon in Wien gemacht habe, so hoffe ich gerade deshalb auf diesem Weg mir das Fachvokabular für die im Oktober folgende Fortsetzung am effektivsten erschließen zu können. Wie jeden der vergangenen Tag bin ich auch wieder zum Geigespielen gekommen.

Gestern hat es den ganzen Tag geregnet, was bedeutet, dass es wirklich zu keiner Minute ausgesetzt hat. Das war aber leicht vorherzusehen, denn gestern fuhr ich ja auf einen ganztägigen Ausflug nach Lisle sur Tarn. Diese äußerst adrette Ortschaft oder kleine Stadt liegt auf halbem Weg zwischen Toulouse und Albi und ist scheinbar ein Paradebeispiel für jenen Typ Stadt, der im 13. Jahrhundert massiv dahingehen restrukturiert wurde, dass die Kirche aus dem Zentrum und die Händler ins Zentrum verlegt wurden. Ich habe versucht den Führungen die zum Ausflug gehörten so gut es ging zu folgen, konnte jedoch
immer nur Teile verstehen. Zum Programm gehörte außerdem eine Weinverkostung und der Besuch eines Bauern, der sich in einem acht Hektar großen Gehege eine Herde Hirsche hält. Fotos habe ich so gut wie keine gemacht, da ich die Kamera ungern aus dem schützenden Plastiksackerl geholt habe, das sie in dem nach einem halben Tag völlig duchnässten Rucksack vor dem Schlimmsten bewahrt hat.

Am Montag beginnt endlich mein Sprachkurs und am Dienstag werde ich vermutlich eine Probe des Studentenorchesters besuchen um mich über das Aufnahmeverfahren zu informieren oder gleich mitzumachen; wer weiß.

Ich wünsche euch allen eine schöne Woche und schließe wieder mit den Worten:
bis zum nächsten Mal lieber Blog.

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